V
E
R
Z
E
I
C
H
N
I
S
E
I
N
Ein Lehrling war ein junger Mensch, der die Schule verlassen hatte,
um einen Beruf zu erlernen. Häufig wurde nach Idealen gestrebt,
die weitab von Gut und Böse lagen.
Die jungen Leute sollten und wollten ein viel besseres Leben haben als die Alten.
Daran schloss sich in den 50ziger bis in die 60ziger Jahre des vorigen Jahrhunderts
der Satz an:
„Es kann nur das verbraucht werden, was zuvor produziert wurde.“
Und die von der alten Schule wussten zu berichten: „Lehrjahre sind keine Herrenjahre!“
In diesem Spannungsfeld und der Vorgabe - Aufbau des Sozialismus - traten die jungen
Leute mit viel Optimismus und Selbstvertrauen in die Zukunft.
Wir sind besser als die „Alten“, war ein stets präsenter Gedanke.
Den Altgesellen und später den Lehrfacharbeitern oblagen große Teile
der praktischen Ausbildung. Diese spürten die Gedankenwelt der Jungen,
ohne sie in jeden Fall nachvollziehen zu können.
Das hieß für einen großen Teil dieses Personenkreises, den Machterhalt zu sichern.
Dies wurde unter anderem mittels „Lehrlingsspäße“ versucht.
Dabei galt ein Zusammenhang. Je niedriger das Niveau desto derber der „Spaß“.
Geh und hol einmal.....
+ die Gewichte für die Wasserwaage
+ das große und das kleine Bogenmaß
+ die Frequenzbiegezange
+ Polfett für die Erdachse
Für angehende Köche:
+ spalte den Kümmel für die Kohlsuppe ,
aber bitte in Längsrichtung.
uam. ...
Ein weiteres Unwesen waren „Späße“ wie:
+ Das Anhängen eines Schweineschwanzes
an eine missliebige Person
+ In das Pausenbrot ein Stück Film einfügen
+ Ein Türschloss mit Gips füllen
uam. ...
Besondere Freude löste es bei den „Alten“ aus, wenn ein Lehrling ein zentnerschweres „Gewicht“
für die Wasserwaage durch den Betrieb schleppte.
So lag es nur in der Natur der Dinge, dass ein Lehrling sich weigerte, Seifensand zu holen.
Das Zeug gab es nun aber wirklich.
Es bestand wie der Name schon sagt aus Schmierseife (eine flüssige Seife) und Sand.
Dieser wurde zur die Reinigung stark verschmutzter Hände benutzt.
Wie oben bereits aufgezeigt folgt auf eine Aktion eine Reaktion.
Eines Tages hatte sich Peter, der als Schlosserlehrling zu Reparaturarbeiten auf dem Bauhof
eingesetzt war, von dort eine leere Zementtüte an seinen Platz in der Hauptwerkstatt mitgebracht.
Tags darauf baute er ein altes Telefon auseinander.
Wichtig war für ihn nur, der sich in diesen Apparat befindliche Kurbelinduktor.
Zwei Kohlestifte gewann er aus einer alten 4,5 Volt Flachbatterie, mit deren Hilfe normalerweise
Taschenlampen betrieben wurden. Dazu noch ein paar Meter Draht und schon war alles Nötige für
eine elektrische Zündanlage beisammen.
Zu jeder sich bietenden Gelegenheit, bei der er sich unbeobachtet fühlte, ließ er
seine Idee Gestalt annehmen.
Ein paar Tage später war es so weit.
Die neue Betriebskantine namens „Café Warschau“ war dieser Tage eröffnet worden und die
Betriebsangehörigen konnten für wenig Geld (0,50 - 2,00M) dort ein Mittagessen einnehmen.
Verständlich, das sich niemand mehr zur Mittagszeit in der großen Hauptwerkstatt aufhielt.
Niemand ist nicht korrekt.
Denn von Peter unbemerkt, war der Werkstattmeister an seinem Platz geblieben,
um noch einige wichtigen Arbeiten zu erledigen. Peter aber war sich sicher,
das alle zum Essen waren, und er jetzt ungestört zur Tat schreiten konnte.
Also nahm er die mit seiner Zündanlage versehene Zementtüte und füllte sie mit etwas Azetylen und
setzte aus der großen blauen Flasche noch Sauerstoff hinzu.
Als die Tüte prall gefüllt war, verschloss er sie rasch und legte sie auf eine
freien Fläche in der Werkstatt.
Er verließ danach schnellen Schrittes das Gebäude.
Dabei legte er hastig die Zündleitung aus und verschloss das Werkstatttor.
Der Knall hatte zur Folge, dass die Mittagspause genauso schlagartig beendet war.
Zwei Minuten später war die Werksfeuerwehr zur Stelle.
Diese konnte aber nur noch den entstandenen Schaden feststellen.
Im Protokoll wurde vermerkt:
+ Den Werkstattmeister mit starken Prellungen
in die Klinik gebracht.
+ In der Hauptwerkstatt sind alle Fensterscheiben
zu ersetzen.
Und nun zu Peter:
Mit diesem „Heldenstück“ wollte er sein Ansehen etwas aufbessern.
Dies war ihm im Einzelfall auch gelungen.
Aber zu welchem Preis!
Ärger auf Arbeit in Form von Moralpredigten und Schadensersatzforderungen.
Und zu Hause erwartete ihn sein Vater nicht etwa mit Pädagogik sondern mit dem Riemen.