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Es war zu Beginn der 20er Jahre.
Rundfunk und Fernsehen existierten nur in der Phantasie Einzelner.
Die Jugend verbrachte ihre Freizeit am Wochenende in der Regel auf dem Tanzsaal.
Der Großteil von ihnen wollte sich nach einer 48 oder manchmal auch 60 Stunden Woche einfach nur ein wenig amüsieren.
Das wenige Geld, das ihnen zur Verfügung stand, gestattete ein großes Bier für den ganzen Abend. Weil der „Genuss“ dieses
Biers sich über Stunden erstrecken konnte, wurde es Gummibier genannt.
Die finanziell etwas besser Gestellten versuchten sich, durch den Charlston und der damit verbundene Mode in das rechte
Licht zu rücken.
So bildeten sich unterschiedliche Gruppen und Grüppchen.
Alle wollten gern dabei sein, auch wenn es für einige finanziell nicht zu tragen war. Diese kleideten sich deshalb
mit Sachen, die noch aus der Kaiserzeit stammten und entsprechend hergerichtet waren.
Es galt Aufmerksamkeit zu erregen, um nicht als graue Maus zu gelten.
Wem wundert es deshalb, dass mitten im Winter auf dem Saal ein flacher Strohhut, umgänglich Kreissäge genannt,
zu sehen war. Das Gleiche traf für die fast rituell auftretenden Prügeleien und anderer „Heldentaten“ zu.
So stand Max, der mit seinen 25 Jahren immer noch so aussah, als gehe er noch zur Konfirmandenstunde, mit seiner
Kreissäge auffallend unauffällig in der Nähe der Eingangstür zum großen Saal. Schließlich und endlich hatte er sich
für heute doch einiges vorgenommen.
Minna hieß die Auserwählte! Sie wird doch hierher kommen.
Die Verabredung war doch sicher, oder hat sie vielleicht das Schützenhaus oder Bülow gemeint? Nein, nein, das war
ausgeschlossen, denn schließlich und endlich war Großkopfs Saal neu hergerichtet.
Neuer Parkettboden eine prima Kapelle und das Wichtigste -Lauben-, ein Separé für Zwei, das ließ sich Minna
nicht entgehen.
Bedenklich war nur, dass die Zahl der freien Lauben sich in Windeseile verringerten.
Ihr Bruder Paul hatte ihm doch bestätigt, dass sie jeden Augenblick kommen müsse,denn als er vor einer Stunde das
Haus verließ, sei seine Schwester bereits mit ihrer neuen Kappe auf dem Kopf durch die Wohnung gerannt.
Was Paul großzügig verschwieg, war die Tatsache, dass Minna noch ein paar Probleme hatte, ihren gewichtigen Körper
in das Korsett zu bringen, und die neuen Seidenstrümpfe waren ebenfalls wie vom Erdboden verschluckt.
In der Zwischenzeit warteten noch zwei andere Personen.
Es waren Anna und Luise, die als echte Freundinnen Minnas, diese zum Tanz abholen wollten.
Luise mit ihrer schlanken stattlichen Figur und den langen schwarzen Haaren war immer eine Augenweide.
Dabei war es gleichgültig welche Arbeit sie gerade verrichtete oder welche Kleidung sie trug.
Sie hatte Ihren schicken Charlstonfummel an und die Naht der Seidenstrümpfe bewegten sich schnurgerade über die
langen schlanken Beine. Dies hätte für die Männerwelt voll genügt.
Aber ohne ein besonderes Merkmal konnte auch sie nicht auf dem Saal erscheinen.
Ein rosaroter Hut mit breiter Krempe und ein paar Fransen zierten deshalb ihren Kopf.
Auch Anna hatte sich alle Mühe gegeben ihrem Äußeren etwas nachzuhelfen. Sie hatte weder an Creme noch mit Farbe gespart.
Außerdem konnte sie nicht die gleiche Bluse wie in der vergangenen Woche tragen. Sie hatte deshalb eine Bluse mit
Puffärmel aus der Mottenkiste ausgegraben.
Ihren Kopf zierte ein Hut, der mit einer 50 cm langen Feder in Querrichtung angereichert war.
Mit ihrer untersetzten Figur war dies schon ein etwas eigenwilliges Bild.
Minnas Vater, der die beiden Wartenden sah, rutschte deshalb die Bemerkung heraus:
„Mäken, eg jlobe, dei bruken en Anstreiker for jiech.“
Minna, die vor dem Spiegel saß und letzte Hand an sich legte, bezog diesen Satz auf sich.
Mit zischenden Unterton und deshalb auch in hochdeutsch konterte sie:
„Ich male mich nicht an; ich unterstreiche nur meine Persönlichkeit.“
Endlich war es so weit und die drei Freundinnen bewegten sich Richtung Großkopfs Saal.
Vorbei an der Generation von Frauen, die nicht mehr zum Tanz gingen.
Diese saßen bei schönem Wetter, und es war so ein Tag, mit dem Strickzeug in der
Hand vor dem Haus und tauschten dabei Neuigkeiten aus. Selbstverständlich wurden die Drei sofort bewertet.
Diese ihrerseits wussten das, und gaben sich große Mühe elegant zu erscheinen.
Endlich waren sie am Ziel angekommen, und die Ungewissheit hatte damit auch für Paul ein Ende. Er hatte seine Minna
und Luise war von der Männerwelt umringt. Nur Anna stand abseits des Geschehens. Als Minna dies bemerkte, griff sie
sofort ein.
Wer mit Luise tanzen wollte, und dabei Anna übersah, hatte ab sofort Pech.
Das wiederum steigerte sofort den Alkoholumsatz und ein Streitgespräch darüber, wie dem zu begegnen sei.
Minnas Entscheidung zu missachten war unmöglich, ihre Sippe war zu stark.
Eine Idee war gefragt. Adolf, der vom Alkohol schon gekennzeichnet war, lallte nur noch vor sich hin:
„Is meg olts jliech. De Wawer san ut wie de Vorelscheichen.“
Vogelscheuche, das war das Stichwort.
So ein Ding mußte her, und dann sollte damit getanzt werden. Das war die Antwort, die mit Sicherheit verstanden wurde.
Aber woher nehmen, wenn auch stehlen?
In Ottchens Hausgarten stand so ein Schmuckstück.
Sein Großvater war der „alte Otto“, Otto sein Vater und er Ottchen, damit war der Durchblick bei dieser Ottoerei
wieder hergestellt. Dummerweise ging Ottchen in der Zwischenzeit selbst auf die 70 zu, und auch die Jugend kannte ihn
nur als Ottchen.
Die Entscheidung, wer die Vogelscheuche aus dem Garten zu holen hatte, wurde durch ein Stiefeltrinken entschieden.
Verlierer war, wer den Stiefel mit Bier an der Nächsten weiterreichte und dieser ihn aus trank, oder wenn dem Trinker
durch eine falsche Haltung des Stiefel das Bier anstatt in den Magen auf das Hemd lief.
Herbert, mit Spitznamen Bratwurst, bekam den Stiefel gereicht. Neben ihm stand Harry sein Freund.
Aber beim Stiefeltrinken hörte die Freundschaft auf, das wusste auch Sohni.
Er schluckte deshalb was er konnte, verpasste aber das Drehen des Stiefel.
Da war es auch schon passiert.
Ein kurzer Schwapp und Sohni war pudelnass.
Damit war entschieden, wer die Scheuche zu holen hatte.
Minna war der Grund dieses Treibens nicht verborgen geblieben. Hier mußte sie eingreifen, denn schließlich gehörte
Ottchen zur Sippe.
Max, wenn du mich liebst, wie du sagst, dann benachrichtige Ottchen, tönte sie.
Das war für Max keine Frage. Von den anderen unbemerkt, rannte er zu Ottchens Haus, um den alten Herrn von dem Vorhaben
zu unterrichten.
Ein kräftiges Klopfen weckte den Hausherren.
Der Klopfer hörte ein verschlafenes "Wat issn?"
"Onkl! Maken sei mal schnell up. Eg mot sei wat vertelln."
Der Fensterladen wurde mit der Frage "Wat issn so wichtich, um meg uten Schlap taurieten"
zurückgeschlagen.
"Onkel jiech wolln sei de Vorelscheiche klaun."
Der Alte stutzte kurz und sagte dann: " Jach man, lat meg man maken. "
Daraufhin ging er in seinen Garten, zog die Sachen der Vogelscheuche über und stellte sich an deren Platz.
Die Zeit war knapp, denn schon kletterte Sohni über den Zaun, um sich der vermeindlichen Vogelscheuche zu bemächtigen.
Als dieser nun unmittelbar davor stand, um sie zu greifen, sprach diese:
" Junge, lat meg doch man noch en bettchen stan."
Mit aufgerissenen Augen des Entsetzens ergriff Sohni die Flucht.
Mit ihm seine Begleiter, die am Zaun standen und den Vogelscheuchenklau miterleben wollten.
Am anderen Morgen stand die Vogelscheuche, so wie immer und als wäre nichts geschehen, an ihrem angestammten Platz.