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Zu Zeiten der tiefsten Wirtschaftskrise Ende der 20er Jahre des 20sten Jahrhunderts klammerten sich eine Vielzahl von
Menschen, wie übrigens zu allen schlechten Zeiten, an Wahrsagerei und Glücksspiel.
Auch der Herr Störich frönte der Leidenschaft des Glücksspiels.
Eines schönen Tages sollte es das Schicksal gut mit ihm meinen, und der Postbote überbrachte die gute Nachricht eines Gewinns.
Auf dem Gutschein war zu lesen :
Herzlichen Glückwunsch - Sie haben gewonnen !
„Einen Binder“
Da schwappte eine Welle der Freude in ihm hoch.
Ja einen Binder, einen Selbstbinder, brauchte er dringend, nur das Geld war halt das Problem, und jetzt gewonnen,
einfach so. Diesmal hat es jedenfalls den Richtigen getroffen.
Was sollte der Postbote oder gar der Fleischer mit einem Binder, einen Selbstbinder, triumphierte er leise vor sich hin.
Ohne Luft zu holen, rannte er in den Stall und brachte die Pferde ins Geschirr.
Er selber zog sich seinen Sonntagsanzug an, denn schließlich sollte es in die Stadt gehen und „dei solln schon sahn,
wat wei hem“.
Gehobenen Hauptes führte er seine Pferde Richtung Stadt. Am ersehnten Ziel machte er die Tiere vor dem Haus fest.
Er selber machte sich auf die Suche nach dem für die Ausgabe der Gewinne zuständigen Herrn.
Nachdem er einmal erfolglos das ganze Haus durchsucht hatte, musste er feststellen, dass der Gesuchte unmittelbar
hinter der Eingangstür sein Zimmer hatte, und er in der Aufregung vorbei gerannt war.
Aber jetzt konnte ihn niemand mehr halten.
Er klopfte an, und ohne auf ein Herein zu warten, trat er ein und sagte in seinem besten Hochdeutsch:
„Guten Tag ! Stör-ich“
Der Herr hinter dem Schreibtisch schaute über seinen Brillenrand und antwortete:
" Guten Tag! Nein Sie stören nicht."
Irgendwie hatte der Herr die wohl geformten Worte nicht recht verstanden.
Deshalb noch einmal: " Guten Tag ! Stör-ich "
Die Antwort blieb gleich : „Guten Tag ! Nein Sie stören nicht.“
Hm; das war wohl des Hochdeutschen zu viel.
Deshalb einmal anders herum „Guten Tag!
Mein Name ist Störich“; und an dieser Stelle war es aus mit dem verfluchten Hochdeutsch:
„Eg häve de Binder jewonnen und will ne jlichs metnahm. De Pähre stahn druten.“
In aller Ruhe zog der Angesprochene einen Schub auf, nahm einen Schlips heraus, sprach von den doch bemerkenswerten
Chancen bei dieser Lotterie und wünschte weiterhin viel Glück beim Spiel.
Also war der Binder kein Selbstbinder sondern ein Schlips.
Völlig verstört und zu nichts mehr zu gebrauchen ( zu mindest an diesem Tag) kam Bauer Störich wieder zu Hause an.
Selbstbinder - Ein Gerät, welches das gemähte Getreide aufnahm und zu „Bunden“ band.