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Die Bezirksspartakiade der Kampfgruppen

Kurt Engmann       Frose,    August 2001

In dem vorangegangen Text wurde auf die Bildung der „Kampfgruppen der Arbeiterklasse“ der DDR bereits aus der persönlichen Sichtweise Einzelner eingegangen.
Die Struktur der Kampfgrruppeneinheiten richtete sich nach der Größe und Art des Betriebes. So wurden in Großbetrieben Einheiten bis zur Stärke eines Bataillons aufgestellt. In dem hier beschriebenen Fall wurde eine motorisierte Einheit in entsprechender Stärke gebildet. Diese verfügte unter anderen über eine Hundertschaft Pioniere.
Die Führung der DDR wusste, dass die Existenz dieser militärischen Verbände in der Bevölkerung zum Teil auf große Ablehnung stieß.
Es wurde deshalb Wert darauf gelegt, diesen Widerstand mindestens auf ein Niveau der Akzeptanz zu verändern.
In diesem Zusammenhang darf nicht vergessen werden, dass in dieser Zeit der „Kalte Krieg“ die politischen Umgangsformen zwischen „Ost“ und „West“ bestimmte.
Militärische Parade und Aufmärsche an staatlichen Feiertagen waren Mittel der öffentlichen Darstellung. Sie waren Demonstrationen militärischer Stärke nach innen wie außen.
Unter diesem Gesichtspunkt waren auch die Spartakiaden ins Leben gerufen worden.
Im Grundsatz waren diese Veranstaltungen nichts anderes als eine militärische Show mit großem Aufwand und wenig Nutzen.
Das wussten auch die Kämpfer des motorisierten Bataillons als sie einen schönen Tages von der Kreisleitung der SED den Auftrag erhielten bei der kommenden Spartakiade in Halle (Saale) ihr Können unter Beweis zu stellen.
In dem freundlich formulierten Befehl war zu lesen, dass ihnen die hohe Ehre zu teil wurde den Angriff einer Hundertschaft mit der Unterstützung von Artillerie und Granatwerfern auf der alten Pferderennbahn in Halle zu demonstrieren.
Damit war der Startschuss für die Organisation dieses „Großereignisses“ gegeben.
Im „Sandkasten“ begannen die Planspiele. In diesem Zusammenhang wurde festgestellt, dass auf irgendeine Weise die Reaktion des angenommenen Gegners nicht fehlen darf. Deshalb wurde der Entschluss gefasst, den gegnerischen Beschuss mittels Imitationsgranaten, die elektrisch gezündet werden sollten, darzustellen.
Diese Feuerwerkskörper hatten außer einem geringen Knalleffekt nichts zu bieten.
Verständlich das die alten Kämpfer, denen noch die Granaten des zweiten Weltkrieges in den Ohren klangen, für dieses „Spielzeug“ nur ein müdes Lächeln übrig hatten. Es war deshalb nicht verwunderlich, dass der Gedanke geboren wurde, wenigstens den optischen Eindruck etwas zu verbessern.
Der Kommandeur der Pioniere erhielt deshalb den Befehl sich der Sache anzunehmen.
Daraufhin wurden einige Versuche gestartet, um den gewünschten Effekt zu erreichen.
Mit dem Abdecken der Imitationsgranaten mittels Kohlenstaubs wurde dann das best mögliche Ergebnis erzielt.
In der Zwischenzeit waren auch die anderen Vorbereitungen abgeschlossen und der Tag „X“ war erreicht.
Als erste wurden die Pioniere des Bataillons in Marsch gesetzt.
Ihre Aufgabe war es die ausgewählte Fläche für die Angriffsdemonstration herzurichten.
Zwei von Ihnen sollten nun gemäß des Modells am „Sandkasten“ die „gegnerischen Granaten“ anordnen.
Das taten sie dann auch. Sie postierten die Imitationsgranaten und versahen sie mit einer elektrischen Zündung.
Nachdem sie diese Arbeit verrichtet hatten, holten sie den Sack mit Kohlenstaub für das gewisse Etwas.
Beim Verteilen des Selben packte sie der Ehrgeiz. Der erprobte Effekt sollte besonders gut gelingen. Deshalb nahmen sie sicherheitshalber etwas mehr von dem schwarzen Pulver als bei den vorangegangen Versuchen.
Damit die ganz Sache auch ordentlich aussah, wurde alles mit einem Feldspaten in Form gebracht und dabei schön fest geklopft.
Alle Vorbereitungen waren nun getroffen und es gab etwas Zeit sich einmal umzuschauen.
Es hatte allen Anschein, dass es ein wunderschöner Frühsommertag werden sollte. Die alte Pferderennbahn ließ den alten Glanz vergangener Tage erahnen, zu Zeiten als es hier noch richtige Pferderennen gab und die Prominenz auf der Tribüne zeigte, was sie sich leisten konnte.
Der Paukenschlag einer Militärkapelle beendete abrupt diese Gedanken.
Zu Hören gab als erstes die Melodie zum Lied des „Kleinen Trompeters“ und im Anschluss die „Internationale“.
Nun füllte sich die Fläche, die einst den Pferden vorbehalten war mit Einheit der Kampfgruppe aus den unterschiedlichsten Betrieben des Bezirks.
Auch die zweite und dritte Garnitur von Partei (SED), des Ministerium für Staatssicherheit (MfS), der Volkspolizei und der Verwaltung hatte bereits auf den hinteren Plätzen der Tribüne eingefunden.
Die Kommandeure standen mit ihren Fahnenkommando' vor den Einheiten.
Ein lauter Befehl „Stillgestanden“ ließ die Kämpfer Haltung annehmen und die Zivilisten auf der Tribüne erhoben sich von ihren Plätzen.
Jetzt war es soweit!
Die erste Garnitur betrat würdigen Schrittes die Tribüne und nahm vor den vorbereiteten Plätzen Aufstellung.
Die Militärkapelle stimmte nun die Nationalhymne der DDR an.
Das war ein Bild, das mit Sicherheit den Soldatenkönig Preußens Friedrich I. in Begeisterung versetzt und seine alten Knochen zusammen zucken lassen hätte.
Das Kommando „rührt euch“ befolgt die Einheiten in gewohnter Weise und die Anwesenden auf der Tribüne nahmen Platz.
Die auserwählten Kämpfer für die Schaueinlage erspähten ihren Kommandeur auf einen der Ehrenplätze der ersten Reihe gleich neben dem Chef des MfS und einem frisch gebackenen General der vor wenigen Jahren gegründeten NVA.
Es folgten in zeitlicher Reihenfolge militärische Vorführungen und musikalische Einlagen der anwesenden Militärkapellen.
Als Mittagessen erhielten alle Anwesenden eine Schüssel mit Erbsensuppe, die selbstverständlich in einer „Gulaschkanone“ gekocht worden war.
Nach dem Essen wurde nun der Höhepunkt des Tages „Der Angriff einer Hundertschaft“ erwartet.
Die Kämpfer des Bataillons nahm Aufstellung. Geschütze und Granatwerfer wurden in Stellung gebracht.
Die, für die Vorführungen ausgewählte, Hundertschaft begab sich in die Ausgangsposition.
Die Pioniere überprüften nochmals die ordnungsgemäße Installation der Imitationsgranaten.
Alles fertig!       Und schon erschallte der Befehl „zum Angriff“.
Im selben Moment waren auch die Feuerbefehle für die Angriffsgruppen und der Geschützbedienungen zu hören.
Die Hundertschaft rückte unter Feuerschutz vor.
Jetzt hatten sie in die „Reichweite“ der gegnerischen Artillerie erreicht.
Die Pioniere erhielten ein Zeichen zum Zünden der Imitationsgranaten.
Ein dumpfer Knall, der im Ton etwas tiefer und lauter war als bei den vorangegangen Test', kündete von der Zündung der erste Granate. Als dann noch eine beachtliche Wolke des zerstäubten Kohlenstaub zu sehen war, strahlten die Gesichter der Erfinder dieses „Kunstwerkes“ Zufriedenheit aus.
Auch der Kommandeur auf seinen Ehrenplatz war von diesem Effekt angetan.
Ja, ja! Er konnte schon stolz sein auf den Einsatzwillen und der Kreativität seiner Kämpfer.
In schneller Folge wurde nun eine Granate nach der anderen gezündet.
Immer ein dumpfer Knall und eine Kohlestaubwolke.
Das Problem war nur, dass die Zündung der nächsten Granate erfolgte bevor die Kohlenstaubwolke der Vorangegangenen sich gelegt hatte. Statt dessen wurde diese immer größer und stieg bis in eine Höhe von ca. 15m auf.
Damit hatten die Zuschauer auf der Tribüne das Zentrum der Wolke vor der Nase und den angreifenden Kämpfern schwebte sie über den Köpfen.
Eine der letzten Granaten brachte kurz vor dem Ende der Vorführung das Fass zum Überlaufen.
Sie zündete das Kohlenstaub - Luft - Gemisch!!
Der Knall und die Druckwelle sorgten für panische Szenen auf der Tribüne.
Die Kämpfer reagierte unterschiedlich.
Die Hartgesottenen blieben einfach liegen und warteten ab.
Ein großer Teil aber gab sich einen Eigenbefehl, der da lautete:
„Genossen! Vorwärts! Wir müssen zurück.     Die Erde ist rund. Wir greifen von hinten an!“
Nachdem wieder klare Sicht herrschte und alle Anwesenden ihre ursprüngliche Form wiedererlangt hatten, bekam der nun nicht mehr stolze Kommandeur statt des erwarteten Ordens --- Ärger.
Danach wurde die Vorführung wiederholt.
Dieses Mal aber ohne Kohlenstaub!
Die Bilder in den tags darauf erschienenen Zeitungen waren, wie zu erwarten, keine Dokumentation der ersten Vorführung.
Wie meinte doch ein Anwesender der ersten Reihe:
      „Eine Übung muss störungsfrei ablaufen.
      So wie wir das wollen.
      Wie soll das denn sonst im E-Fall laufen!!“