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Die Froser Seeschlacht

Kurt Engmann       Frose,    Februar 2017

Was für eine Seeschlacht? Diese Frage stellt sich sicherlich so manchen Leser bei dieser Überschrift und doch gab es eine solche im Sommer des Jahres 1700. Zum besseren Verstehen ist eine sehr kurze Betrachtung der Geschichte dieser Örtlichkeiten hilfreich.
Noch vor dem Erscheinen des Markgraf Gero in Frose etwa in der Mitte des 9. Jahrhunderts existierte nördlich von Frose ein etwa 2500 ha großes Sumpfgebiet, welches von damalige militärische Strategen für undurchdringlich gehalten wurde. So wurde es zu einem Teil der dritten Verteidigungslinie, die durch Karl d. Großen westlich des Bodeverlaufs errichtet wurde.
Bereits im Mittelalter wurde durch das Froser Stift der Abbau von Torf betrieben. Mit dem Verkauf von Bulten, also getrockneten Torfstücken, wurden finanzielle Einnahmen generiert. Dieses Geschäft fand 1446 mit der Flutung dieser Fläche durch den Bischof zu Halberstadt sein Ende. Die Folge war ein jahrzehntelanger Rechtsstreit. Am Ende stand ein Vergleich. Das Stift wurde finanziell und mit Deputat entschädigt. Es erhielt 3000 rheinische Gulden und unbefristet jährlich zwei Zentner an Hechten. Aber weder das Stift noch die Gemeinde Frose hatten Anteile am neu entstandenen See. Die Gemarkungsgrenze, also die Grenze des Ortes, verlief und verläuft auch heute noch unterhalb der Wilslebener Straße.
Bemerkenswert ist die Tatsache, dass bis 1705, laut der vorliegenden Dokumente, keinerlei Streitigkeiten bezüglich illegalem Fischfangs angezeigt wurde. Im Gegenteil, in den Froser Kirchenbücher wurde über die Jahre wiederholt die Berufsbezeichnung „Fischer“ festgehalten. Selbst ein Fischmeister wurde dokumentiert.
Wer Ihnen die entsprechende Lizenz verkaufte oder in wessen Auftrag sie diesem Gewerbe nachgingen konnte bis dato nicht ermittelt werden.
In den Flachteilen im Besonderen auf der Froser Seite bildete sich nach der Flutung ein breiter Schilfgürtel aus. Dieser war so mächtig, dass einzelne Stücke als Horste bezeichnet wurden. Zur Orientierung wurden diesen Namen vergeben, wie beispielsweise der „Schwarze Host“, der „Runde Host“, die „Sternblucke“ usw.. Wie schon gesagt – alles Aschersleber Gemarkung.
Das hinderte die Froser in keinster Weise, fleißig Schilf zu „ernten“. Ein Konflikt mit den Aschersleber Grundeigentümern war deshalb absehbar.
Schilf wurde zur damaligen Zeit nicht nur als Material zum Dachdecken verwandt, sondern wurde auch grün geerntet. Es wurde zum Flechten von Matten und Körben gebraucht aber auch als Gemüse genutzt. Die jungen Triebe wurden einst, wie heute Bambussprossen, verarbeitet. Sie schmecken süßlich und entsprechend angerichtet bereicherten sie damals eine wohlschmeckende Küche.
Dies ist auch die Erklärung dafür, dass die tätlichen Auseinandersetzungen im Sommer und nicht im Winter stattfanden und als „Froser Seeschlacht“ in die Geschichte einging.
Und so wurden diese Ereignisse in den kirchlichen Unterlagen in Frose und den städtischen Niederschriften der Stadt Aschersleben festgehalten.
Hier die schriftlichen Hinterlassenschaften dieser Ereignisse, festgehalten von Hans Lohse – Pfarrer in Frose. Der geneigte Leser möchte bitte beachten, dass zwischenzeitlich eine Reihe von Reformen der Rechtschreibung und Grammatik über Deutschland hinweggingen.

Am 6. August 1700, es war an einem Freitag, waren viele Bürgersleute aus Aschersleben auf das Rathaus beordert worden.
Der Rat der Stadt hatte sich versammelt, aus Ermsleben war der kaiserliche Geschworene und Notar Christian Zölner gebeten, ihm zur Seite standen die studiosi theologiae Martin Belbe und Johann Naniel Corthym, dahinter aber 28 Männer. Sie alle waren zu einer Verhandlung gegen die Gemeinde Frose zusammengerufen; denn es hatten sich Reibereien wegen der schwarzen und runden Horst und dem darauf wachsenden Rohr ergeben, man schreckte selbst nicht vor Gewalttätigkeiten zurück, und es sollte festgestellt werden, was an den vielen Klagen, die täglich einliefen, Wahrheit wäre.
Der regierende Bürgermeister Müller übergab dem obengenannten Notar Zölner die Führung der Verhandlung. In der sogenannten neuen Commissionsstube des Rathauses erklärte der anwesende Aktuarius Specht den Versammelten die Bedeutung des Eides und warte sie, im Hinblick auf die schwere drohende Strafe, die Unwahrheit zu sagen. Morgens um 9 Uhr legten die Zeugen folgenden Eid ab:
„Ich schwere, daß ich in Sachen Ehrbaren und Hochweisen Raths der Stadt Aschersleben wieder die Gemeinde zu Frosa die schwarze und die runde Horste auf der See betreffende, darinnen ich Zeugniß geben soll, die rechte reine lautere Wahrheit, worauf ich befragt werde und was mir bewußt ist, keinem theile zu Liebe oder Leide, ohne Betrug und Falschheit sagen und es umb anderer Ursachen Willen nicht lassen will, so wahr mich Gott helffe und sein heyliges Wort!“
Die Namen der einzelnen Zeugen und ihr Alter werden zu Protokoll genommenen, und es ergibt sich, daß sie alle, bis auf einen Ascherslebische Bürger sind. Acht von ihnen betreiben das Fischerhandwerk, die anderen gehören den verschiedensten Berufen an. Nachdem sie erklärt hatten, daß sie sich fleißig zum Wort Gottes und der heiligen Kommunion hielten, auch den Eid in seiner Bedeutung verstanden hätten, wird in das eigentliche Verhör eingetreten.
Innerhalb der See erhoben sich aus dem Wasser einige Erdstellen, von Wasser umflossen, die sogenannten Horste. Unterhalb der heutigen Wilsleber Straße befand sich der Runde, weiter nach Aschersleben zu der Schwarze Horst. Zu fünf verschiedenen Malen um Johanni hatte der Rat seine Fischmeister und Knechte in die See geschickt, damit sie auf vorbesagten Horsten Rohr schnitten und an den Seegraben heranbrächten. Sie waren ihrer Arbeit nachgegangen, und der Stadtkämmerer hatte ein Buch, in das er die Arbeitstage einzeichnete. Eines Tages hörte Rat, daß auch die Froser auf den genannten Horsten Rohr abschnitten. Er verwarnte sie nachbarlich und bat den Ortsrichter zu Frose, Jacobi, an der Kirche bekannt zu geben, es sei verboten, auf die Runde und Schwarze Horst zu kommen, im Weigerungsfalle würden sie gepfändet. Aber diese Warnung wurde nicht beachtet, und nach einigen Tagen sah man sie wiederum auf den Horsten mit Rohrschneiden beschäftigt. Hans Schueband, ein Fischmeister des Rates Aschersleben, wurde nun am Montag, dem 5. Juli, beauftragt, mit seinem Kahn die Ratsdiener in die Nähe Froses zu bringen, damit die Pfändung an den Anwesenden vollzogen werden könnte. Einige Aschersleber waren an diesem Tage zum Röhren dort, aber auch die Froser. Man nahm ihnen zur Strafe ihre Körbe und Sicheln, Halstücher und ihre Kleidung fort. Als die Zeugen bei der Vernehmung danach gefragt werden, verneinen sie es auf das entschiedenste, die Kleidungsstücke wären vom Leibe gerissen worden, sie müßten infolge der Hitze vorher abgelegt sein. Auch die Vorwürfe, es wäre vom Rat befohlen worden, die Frösischen Weiber bis aufs Hemd auszuziehen oder die Gewehre auf sie zu setzen, träfen nicht zu. Vielmehr wäre ihnen gesagt worden, die Gepfändeten mit nach der Stadt zu bringen. So wurden zwei „Weibesstücke“ mit auf das Rathaus genommen, und in der Ratsstube hielt man ihnen ihr Verbrechen vor, man drohte mit Gefängnis und bei weiterer Übertretung mit dem Pranger. Auf Bitten ließ man sie nach Lösung der Pfände frei.
Einer anderen Frau aus Schadeleben stammend, die erst vor nicht langer Zeit nach Frose gezogen war, ging es nicht so gut. Sie war auch auf der Horst gewesen. Als man die Aschersleber kommen sah, sprang alles in die Kähne, um das nahe Ufer zu erreichen. Entweder hat sie den Kahn verfehlt oder ist vor Angst ins Wasser gesprungen. Die Fischer Schueband und Westphal steuerten auf ihr Schreien hin ihren Kahn auf sie zu und sie zog sich daran in die Höhe. Als sie wieder an der Oberfläche war, entkam sie, indem sie ans Ufer schwamm und dann im Dorf verschwand.
Wenn schon vorher die Spannung hochgestiegen war, so erst recht durch die Pfändung und den offensichtlichen Mißerfolg der Froser. Zwei Tage nach den Ereignissen holte man zum Gegenschlag aus. Am 7. Juli fanden sich viele auf dem Runden Horst ein. Zur Verteidigung, wohl aber mehr zum Angriff, hatten sie Sensen und andere Dinge mitgebracht. Mit Streiten fing es an. Sie schalten die Aschersleber Staßenräuber, sagten, sie müßten ihre Richter selber sein, solle es zum Leben oder Tod gehen, sie ließen das Rohr nicht. Als die wenigen Aschersleber ihre Kähne bestiegen, versuchten die Froser, „sie mit ihren Sensen umzukippen“. Als Zeichen des Sieges nahmen sie tüchtig Rohr mit ins Dorf.
Diesen Sieg konnte Aschersleben nicht ungesehen hinnehmen. Sie machten ihre Rechte geltend und schickten einige Bürger nach den Horsten, um nachzusehen, wie die Froser sich gebärdeten, ihnen gut zuzureden und darüber Bericht zu erstatten. Aber die Froser waren auf der Hut. Bei dem Landgraben hatten sie eine Wache ausgestellt, die den Dorfinsassen bei Annäherung von Kähnen aus Aschersleben durch einen Schuß Bescheid gab. Sobald sie das Zeichen gehört hatten, stürzten aus dem Dorfe mehr als 50 Bauern mit Stöcken, Gabeln, Prügeln, Forken, Stangen, Grepen und Hebebäume heraus, ihnen folgten mehr als anderthalbhundert Weiber. Unter den Männern befanden sich der Richter, die Geschworenen und der Schulmeister (wahrscheinlich Jakob Ortel), der mit einem schwarzen Rock bekleidet war und nach Aussagen der Zeugen „ein teufflich looß Maul gehabt“ hätte, „welcher erschrecklich hinter die Aschersleber hergescholten, so gar daß, wenn sie nicht auf Wasser gewesen, eine tracht Schläge bekommen“ hätten. Als nochmals zum Guten geredet wurde, erklärten die Bauern, die Hörste kämen ihnen zu, ebenfalls die Röhrung und den Vogelfang behielten sie, sollten sie auch Leib und Leben daran wagen. Ein großes Durcheinanderschreien und Schimpfen ließ die Unmöglichkeit eines Ausgleichs sicher erscheinen.
Es war nicht das erste Mal, daß die Froser sich eigene Rechte anmaßten. Obwohl sie verpflichtet waren, das Bier aus Aschersleben zu beziehen, nachdem ihnen die Flachsröstung erlaubt war, schenkten sie dieses Bier nicht in der Schenke, sondern nur auf Kindtaufen, Hochzeiten und in der Ernte aus.
Leider erfahren wir aus unseren Urkunden nichts vom Ausgang des Rohrstreites.


Es liegt die Vermutung nahe, dass sich noch während des Streites die Sachlage der Seenutzung durch die Ankündigung der Trockenlegung fundamental änderte und die Streitigkeiten deshalb zu den Akten gelegt wurden. Denn kurze Zeit später begannen die Planungen zu diesem Projekt. Am 24. Mai 1704 wurde der Plan von Friedrich I. König von Preußen Realität und aus dem See wurden 1710 die Seeländereien. Maulfaul wie die Anwohner des ehemaligen See`s nun einmal waren, wurde aus dem See - die „See...“ und so ist es bis heute.
Seit der Beendigung des Braunkohlenbergbaus bildeten sich Vernässungen in der See, in dessen Folge sich ein Paradies für Vögel und anderes Getier hier entwickelte. Die Zahl der Vogelarten, die ständig oder nur temporär hier präsent sind, beläuft sich in der Zwischenzeit auf etwa 100. Darunter befinden sich eine Reihe von besonders schützenswerten Arten wie Rohrdommel, Rohrweihe, Blaukehlchen und Wiedehopf. Der Kippenrutsch in Nachterstedt 2009 zog ein Betretungsverbot der Halde nach sich. Deshalb bewegen sich Spaziergänger und Ornithologen auf dem Weg am „Zuckerbusch“ entlang durch die See. Im Frühjahr hat so mancher das Gefühl, es handele sich um eine Völkerwanderung. Eine derartige Wanderung kennt nur noch die Bibel. --- Moses führte sein Volk beim Auszug aus Ägypten auf der Suche nach dem heiligen Land, trockenen Fußes, durch das Rote Meer. --- So wurde dieser befestige Weg, der je nach Tageszeit und Sonnenstand die unterschiedlichsten Eindrücke hinterlässt, zum „Mosesweg“.