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Es war zu einer Zeit, als die Froser Kirche noch eine mechanische Uhr besaß, und jedes Zifferblatt eine andere Zeit zeigte.
Damals gab es Unterrichtsstunden, die waren so „interessant“, dass der Eindruck entstand, die Zeiger, die bei einem
Blick aus dem Fenster gut zu erkennen waren, sich nicht von der Stelle rührten.
So ganz sicher war es nicht, dass dies nicht den Tatsachen entsprach, denn der Küster machte für eine Flasche Schnaps
oder ein kleines Trinkgeld so manches möglich.
Einmal läutete er sogar zum Geburtstag eines Bekannten, der ihm diesen Obulus entrichtet hatte; und versetzte damit
das ganze Dorf in Aufregung, weil das Geläut zu dieser Tageszeit die Trauergemeinde zur Beerdigung rief und niemand
im Ort verstorben war.
Warum sollte er dieses Mal nicht die Zeiger festhalten?
Es gab aber auch Stunden, die von den Schülern mit Spannung erwartet wurden.
So zum Beispiel Chemie, das Fach bei dem es knallt und stinkt.
Die Neugierde auf den Unterricht wurde dadurch geweckt, dass zwei Schüler zur Vorbereitung ins Lehrmittelzimmer mussten.
Im Anschluss wurden die Zwei dann befragt, was heute für ein Experiment dran sei.
Diese aber waren zum Schweigen verurteilt und sagten deshalb zu uns: "Wir dürfen euch nicht sagen, dass das Thema
- Der Feuerlöscher - heißt."
Neugierig und voller Erwartung saßen alle in ihren Bänken. Der Lehrer betrat das Klassenzimmer. Alle standen auf,
begrüßten ihn und setzten sich dann wieder.
Der Lehrer begann die Chemikalien sowie die Gerätschaften auf seinem Tisch zu ordnen.
Danach wälzte sich eine Formelflut über die Tafel.
Eine leise Stimme wimmerte: „Oh Gott, oh Gott! Mein armer H2O-K-O-P-F“.
Danach begann die Erklärung des Lehrers, die sich wie folgt anhörte:
„Liebe Kinder! Das hier ist ein Erlmeierkolben.
Er ist eine wesentliche Grundlage unseres Experiments.
Ihr erkennt ihn leicht an seiner kegelstumpfartigen Form mit einen kleinen aufgesetzten Zylinder.
Dieser ist notwendig, um den Erlmeierkolben verschließen zu können.
Bei diesem Experiment wird ein Glasröhrchen eingeführt, damit die Flüssigkeit durch den im Kolben entstehenden
Druck entweichen kann.“
Die Ersten sahen zum wiederholten Male zum Fenster hinaus und hatten abermals das bedrückende Gefühl, dass jemand
die Zeiger der Uhr festhielt.
Nun begann der Lehrer, verschiedene Pülverchen und Wässerchen in den Erlmeierkolben zu schütten. Danach verschloss er
ihn und schon schoss ein scharfer Strahl heraus.
Mit diesem bekämpfte er das Scheinfeuer.
Ein komisches Knacken veranlasste alle Schüler, in Deckung zu gehen.
Im selben Augenblick kam der bereits erwartete Knall, und als alle Schüler wieder aufgetaucht waren und feststand,
dass niemand verletzt war, brach ein großes Gelächter aus.
Nur dem Lehrer war nicht zum Lachen, denn er stand pudelnass vor den Scherben seines Experiments.
Die Unterrichtsstunde war damit beendet, und es begann eine lange Pause, die die einmalige Gelegenheit eröffnete,
die vergessenen Hausaufgaben für die nächste Stunde noch schnell zu erledigen.