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So alt der Name, so alt waren Mobiliar und Ausstattung und dazu passend der Wirt in vierter Generation einschließlich
der Stammgäste. Der harte Kern hatte in Wirklichkeit hier seinen Wohnsitz. Das wusste auch der Briefträger,
und sparte sich so manchen langen Weg. Außerdem waren Briefe und Pakete schwer und ohne zusätzliche Stärkung war diese
Arbeit kaum zu schaffen. Schwierig wurde es nur, wenn mehrere Stammgäste Post bekamen. Diese sahen sich dann genötigt,
jeder für sich, dem freundlichen Briefträger mit einem Glas ihren Dank auszusprechen. Hoch im Kurs stand zu jener
Zeit ein Schnaps namens StichBimmBulliBockfortsiolorum. Wer nun schon etwas mehr an Alkohol konsumiert hatte und diese
Bestellung nicht mehr über die Lippen brachte, ließ einen Pfefferminzlikör, kurz Pfeffi genannt, kommen. Damit hatte
die restliche Post automatisch einen Tag Verspätung.
Mit anderen Worten, das war eine Kneipe in Vollendung.
Wie jeden Tag stand Ottchen hinter seiner Theke und spülte Gläser. Gläser spülen war wichtig, weil Hygiene muss sein.
Besonders bei Schnapsgläsern! Diese müssen unmittelbar vor dem Einschenken nochmals kräftig gespült werden. Wegen der
Hygiene versteht sich und „völlig unbeabsichtigt“ wird dadurch aus einer 0,7 Liter Flasche eine mit einem
Fassungsvermögen von 0,8 Liter. So richtig zu verstehen war dies nicht. Alle Gläser waren jedes mal exakt bis zum
Eichstrich gefüllt. Ein ähnliches Wunder fand als Brotvermehrung bereits vor fast 2000 Jahren Eingang in die Bibel.
In der Zwischenzeit fühlte Adolf nach dem sechsten Bier einen starken Druck in seiner Blase. Auch der letzte Schnaps musste
verdorben gewesen sein, denn der Magen meldete sich mit einem komischen Gefühl. Es half nichts. Den Weg zur Toilette
kannte er ja im Schlaf. Dort angekommen meldeten sich Bier und Schnaps heftig. Sie wollten nur noch Eines – Raus
aus diesem mit Alkohol verseuchten Körper – ganz gleich wo und wie. Nachdem wieder Ruhe eingekehrt war und er
sich Gesicht und Hände gewaschen hatte, betrachtete er sich im Spiegel. Dort sah er einen um 20 Jahre älteren Mann.
Bin ich das wirklich? Bin ich wirklich schon so alt oder sind dies Wahnvorstellungen? Dabei verspürte er in seinem Mund
so ein Gefühl der Leere.
Mein Gott, schoss es ihm durch den Kopf: “Dein neues Gebiss ist bei dieser körperlichen Anstrengung mit heraus
gefallen.“
Völlig aufgelöst lief er in die Gaststube zurück. Ganz aufgeregt sprach er Ottchen an. Doch der hörte immer nur Schähne
und Grube, bis er an Adolfs eingefallenem Gesicht den Sinn dieses Gestammels verstand.
An seinem Gesichtsausdruck war das Mitgefühl für Adolf deutlich zu erkennen. Kannte er doch dessen panische Angst vor dem
Zahnarzt.
Es mag nun schon fast ein Jahr her sein, als Adolf über Zahnschmerzen klagte. Drei Schneidezähne seines Unterkiefers
waren locker und er hatte beim Kauen doch arge Probleme.
Als er sich einmal wieder nur mit flüssigen Brot ernährte, betrat ein recht seltener Gast die Bildfläche.
–"Der Dicke" – Im Geburtsregister war allerdings der Name Fürchtegott zu lesen.
Dieser Name war für ihn alles andere als passend. Oder sollte sich möglicherweise Gott fürchten? Mit seinen fast zwei
Metern Körpergröße, einem Gewicht über zwei Zentner und den Kopf mit schwarzen Wuschelhaaren bedeckt, füllte
er die Tür vollständig aus.
Das Jammerbild Adolf fiel ihm sofort ins Auge. Neugierig wie er nun einmal war, setzte er sich sogleich zu diesem an
den Tisch. Und schon klagte Adolf ihm sein Leid. Hab dich nicht so memmig; was von allein gekommen ist, muss auch von
allein wieder gehen, tönte der Dicke . Hast Du die Schmerzen oder ich und Zahnarzt nein danke. Unser hier im Dorf hat
doch in der Fleischerei studiert und nicht an der Universität, wehklagte Adolf. Na - ja- wo du Recht
hast du Recht. Zart fühlend ist der nicht gerade, aber bevor der zu uns kam, konntest du nur zum Barbier gehen und
dieser kannte nur ein Werkzeug - die Zange -, ohne Betäubung versteht sich, gab der Dicke zu bedenken.
Nein alles! Nur nicht zum Zahnarzt, wehrte Adolf ab. Sieh mal meine Zähne hier unten sind doch schon ganz locker.
Also Adolf, wenn du willst und ich dir damit einen Gefallen bereite, machen es wir es wie früher. Ich habe vor vielen
Jahren einmal zugesehen als der Barbier die russische Methode anwandte, schwelgte der Dicke. Wie geht denn die, fragte
ängstlich Adolf. Na – Ganz einfach! Du nimmst jetzt eine Flasche Wodka und trinkst bis du nicht mehr kannst.
Dieses Zeug wirkt dann wie eine richtige Narkose.
Narkose! Einverstanden, sagte Adolf, lasst uns gleich anfangen. Die anwesenden Stammgäste standen sofort dem Dicke
hilfreich zur Seite. So etwas erlebt man ja nun nicht jeden Tag. Der Wirt reichte das Narkotikum und Adolf schluckte
mit großen Zügen. Nach einer Weile bemerkte der Dicke: „Es ist soweit. Adolf merkt jetzt nichts mehr.“
Er hielt dessen Kopf mit der linken Hand.
Mit der Rechten erfasste er Adolfs Kinn und drückte mit dem rechten Damen die lockeren Schneidezähne nach hinter, um sie
anschließend leicht herausnehmen zu können. Ab diesem Moment war von Adolfs Vollnarkose nichts mehr übrig geblieben.
Er schrie vor Schmerzen laut auf. Die Zähne waren zwar nach hinten geklappt aber noch fest, weil ein Teil des Kiefers
heraus gebrochen war. Die letzte Rettung war nun doch der Zahnarzt. Der staunte nicht schlecht über die fast gelungene
Lösung seines „Kollegen“.
Seither trug Adolf eine Zahnprothese und hatte noch mehr Angst vor dem Zahnarzt.
Und dann das. Nur weil das letzte Bier dem Reinheitsgebot widersprach, lag nun dieses unter Schmerzen erworbene
Stück in der Grube.
Nach kurzem Zögern beruhigte Ottchen Adolf mit den Worten: „Mein Lieber, du hast Glück. ich habe das Hallenbad,
so umschrieb er immer seine Fäkaliengrube, vor ein paar Tagen leeren lassen. Ein kleiner Rest ist noch beziehungsweise
schon wieder darin, aber maximal knöcheltief. Wenn du willst, Gummistiefel und eine alte Jacke zum Überziehen kannst
du von mir bekommen. Dann kannst du dich auf die Suche nach deinem verlorenen gegangenen Kauwerkzeug begeben.
“ Was bleibt mir anderes übrig, erwiderte niedergeschlagen Adolf. Wenig Minuten später begann die Expedition ins
Unbekannte. Mit bloßen Händen durchwühlte Adolf die Überreste menschlicher Hinterlassenschaften. Nach einer guten viertel
Stunde war er dann fündig. Er hielt seine dritten Zähne fest in den Händen. Es wurde auch höchste Zeit.
Lange hätte er es in dieser Luft nicht mehr ausgehalten. Nur so rechte Freude wollte trotz alledem nicht aufkommen.
Adolf musste das Ergebnis akzeptieren oder erneut zum Zahnarzt. Letzteres kam für ihn nicht in Frage.
Also die Zähne waschen und reinigen und waschen.... Aber irgendwann muss damit nun einmal Schluss sein. Ottchen konnte
nun dieses Trauerspiel nicht mehr mit ansehen. Er nahm ein angeschlagenes Bierglas und füllte es zur Hälfte mit über
90 prozentigen "Primasprit", also fast reinem Alkohol. Adolf legte nun mit aller Vorsicht seine Dritten dort hinein
und harrte der Dinge, die da kommen. Irgendwie war er nicht ganz anwesend. Nach einer ganzen Weile, die anderen waren
bereits wieder kräftig beim Skat spielen, sprang er hoch und bestellte einen doppelten Doppelkorn und kippte ihn hinter.
Nach kurzem Zögern nahm er dann seine Dritten wieder in Funktion.
Übrigens – Boshafte Zungen behaupteten Adolf hätte nur deshalb so lange Zeit in der Grube benötigt,
weil nicht nur seine Zähne dort unter lagen und er alle Mühe hatte, die Rechten herauszufinden.