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Pastors Freud' & Pastors Leid

Kurt Engmann       Frose,     November 2003

Georg saß in seinem Büro und war mit der Vorbereitung für die demnächst fällige Arbeitsschutzbelehrung voll beschäftigt, als plötzlich sein Chef in der Tür stand und Georg mit dem Satz: „Was habt Ihr nur für einen Pastor in eurem Nest“, überfiel.
Was sollte nun Georg mit dieser Frage anfangen. Wie sollte er diese Worte werten. War dies ein Scherz oder war ihm der Ernst der Lage nicht zugänglich. Also musste eine nichts sagende Antwort her. Nach dem Ablauf der Schrecksekunde antwortete Georg: „ Also als Atheist ist dies erst einmal nicht mein Pastor. Und im Übrigen verlässt einen guten Marxisten der liebe Gott nicht. Was hast du denn als Genosse mit diesem Schwarzkittel am Hut?“
Das war für Chefchen zu viel. Jetzt brach der Freizeitjäger durch.
„Schwarzkittel“ sind schließlich und endlich Wildschweine. Diese kann man wohl kaum mit einem Pastor vergleichen; und mit dem schon gar nicht, tönte er.
So begannen seine belehrenden Ausführungen, die geraume Zeit später zum Kern der Sache führten.
Tags zuvor hatten die Angehörigen des Jagdkollektivs einen der ihren die letzte Ehre erwiesen. Wider allen Erwartungen kam zur Trauerfeier kein Grabredner sondern der besagte Pastor.
Dieser hatte sich redlich bemüht, die letzte Ehre für den Verstorbenen würdig zu gestalten. Nur sah er sich während der Vorbereitungen zur Trauerfeier mit einer Reihe von Schwierigkeiten konfrontiert. Der alte Herr, den es galt, unter die Erde zu bringen, war weit über 80 Jahre alt, hatte keine Verwandten, war Ehrenmitglied der Jäger, lebte allein und zurückgezogen. Das war alles und daraus sollte nun eine würdige Predigt werden. Wie gut hatten es dagegen doch einige seiner Amtsbrüder in anderen Teilen Europas.
Dort gab es 50 bis 60 tödliche Jagdunfälle jährlich. Eine Reihe der Betroffenen erlagen einem sauberen Blattschuss. Da blieb noch nicht einmal mehr Zeit für die letzte Ölung. Ja in solchen Fällen gab es Möglichkeiten, die Trauer zu gestalten und die Anwesenden mit wohl geformten Worten große philosophische Gedanken vom Werden, Wachsen und Vergehen nahe zu bringen.
Nach geraumer Zeit schloss er die Predigt mit den sich selbst tröstenden Gedanken ab: „Es ist zwar nicht die schönste Predigt, aber mehr war nicht drin. Und für die Wenigen, die erscheinen werden, reicht dies.“
Als er nun die Trauerhalle betrat und die Menge an Trauergästen sowie das Ehrenspalier der Jäger sah, erschrak er. Sein Konzept war nicht zu gebrauchen. Profi wie er war, kam jetzt eine freie Rede. Nur wurde die bereits nach dem ersten Satz mangels Masse schwierig.
Also philosophierte er: „Der Verstorbene war ruhiger Mensch. ....Er war ein stiller Mensch. ....Er war ein bescheidener Mensch. ...... Er war. .... Er war ein stiller Mensch. ... Er war .... Er war ein stiller Mensch.“ So ging es Runde um Runde.
Die Anwesenden nickten schon im Takt mit, als er auf einmal sagte:“...Und wie sagt der Volksmund -stille Wasser sind tief und....(1)-“. Er erschrak und mit ihm alle Anwesenden. Geistesgegenwärtig hob der Chef der Jagdgesellschaft die Hand. Im selben Augenblick ertönten die Jagdhörner zum letzten „Halali“. Damit fand die Trauerfeier doch noch einen würdigen Abschluss.
Nun ja meinte Georg zu seinem Chef: „Das war wahrlich ein Ding. - Eine psychologische Fehlleistung ersten Ranges! -     In den nächsten Tagen habe ich mit dem Pastor zu tun. Ich werde einmal sehen, ob er sich an diese Beerdigung noch erinnert.
Wie gesagt, eine Woche später war es so weit. Der Herr Pastor erschien ausnahmsweise einmal pünktlich zur Beratung der bevorstehenden Festwoche. Die Ideen waren wie immer zahlreich. Aber sobald eine davon in die Tat umgesetzt werden sollte, begannen die Schwierigkeiten. Einmal fehlte das Geld. Dann wieder das Material. Wenn nun wider aller Erwartung die eigene Idee für gut befunden wurde, stellte der geistige Vater urplötzlich fest, dass ihm für die Realisierung der doch überragenden Idee einfach die Zeit fehle und er bedauerlicher weise von dem Ganzen Abstand nehmen müsse.
Nachdem sich die Wogen geglättet hatten und das selbst ernannte Festkomitee den kleinsten gemeinsamen Nenner fand, wurde es an dem großen Tisch wieder ruhiger.
Nun konnten sich Einzelne mit dem beschäftigen, weshalb sie eigentlich gekommen waren. Ein Bier zu trinken und eine Sülze oder eine HO-Schnitte(2) zu essen. Ab diesen Zeitpunkt war Lockerheit angesagt und so mancher Witz machte die Runde. Also die passende Zeit für das Thema „Schwarzer Humor“. Und schon fragte Georg den Pastor, ob er nicht etwas aus dem Nähkästchen plaudern könnte. Zum Beispiel sei doch so manche Beerdigung nur für die Angehörigen ein Trauerfall. Da soll es ja angeblich Fälle gegeben haben.

Na ja! Einmal soll die Gruft kleiner als der Sarg gewesen sein. Ein anderes Mal soll ein Angehöriger selbst die Urne der Großmutter vom Krematorium geholt haben, damit die Westverwandten auf Grund der Kürze der Aufenthaltsgenehmigung an der Trauerfeier teilnehmen konnten.
Die Abholung wurde dem angeheirateten Enkel übertragen.
Wie üblich benutzte jener auch für diesen Zweck als Fortbewegungsmittel die Bahn. Für die Rückfahrt gab es aber keine durchgehende Verbindung. Einmal umsteigen mit einer halben Stunde Aufenthalt, waren nicht zu umgehen. Für derartige Fälle gab es ja eine Einrichtung die hieß Bahnhofskneipe oder für höher Geborene Mitropa  - Reisegaststätte. Lange Rede kurzer Sinn. Das Bier war so gut, das der Anschlusszug ohne ihn fuhr. Jetzt hatte er noch eine Stunde gewonnen. Der nächste Zug war seine. Er kam selig zu Hause an. Ihm war ganz leicht und das nicht nur ums Herz, denn er hatte die Urne in der Kneipe stehen lassen.


Nicht zu vergessen das Thema der Versprecher. Das war und ist ein weites Feld außerdem das Stichwort für den Pastor. Nun ja begann er, der Herr Pastor: „Mit Versprechern kann ich nicht dienen.
Als ich noch in Görlitz war, sagte der Küster einmal zu mir, wie ich dies nur fertig brächte eine Taufe, ein Hochzeit und am Nachmittag noch eine Beerdigung und das lief alles glatt, ohne auch nur ein einziges Mal in Schwierigkeiten zu kommen. Aber einmal...einmal, so fuhr er fort, hatte ich eine Beerdigung.“
Oh dachte Georg, erinnert er sich doch an die vergangene Woche?
„Das war auch noch in Görlitz. Es galt einen alten Herren zu Grabe zu tragen, der allein lebte und auch ansonsten ein ruhiger und stiller Mensch war. Das einzige, wenn ich das so sagen darf, er hatte ein Laster. Er sprach in seiner Einsamkeit des öfteren dem Alkohol zu. Den 'Blauen Würger', sie verstehen, welchen ich meine. Trotzdem gab ich mir große Mühe mit der Predigt. Zur Beerdigung dann war eine einzige Person erschienen. Es war ein Schulfreund. Nachdem wir, der Freund und ich, den Sarg zum Grab begleitet hatten, wurde dieser hinab gelassen. Und was soll ich ihnen sagen. Der Sarg blieb hängen. Die Gruft war zu klein.
Ich sprach das letzte Gedenken und sein Freund trat an das Grab. Er nahm eine handvoll Erde, warf sie auf den schräg stehenden Sarg und sprach mit pathetischen Ausdruck die Worte: 'Max nun hast du wieder Schräglage.'“

In einem schallenden Gelächter gingen die letzten Worte des Pastor unter und die Sitzung war damit beendet.

 
 
 
 
(1) ....dreckig.
(2) ....Eine HO-Schnitte => neudeutsch=> eine Bauernschnitte

Für Hobbyköche

Eine Scheibe Brot wird geröstet. (mit etwas Schmalz in der Pfanne)
Darauf wird ein paniertes und gebratenes Schnitzel montiert.
Das Ganze wird mit einem Spiegelei überdeckt.
Serviert wird das Gericht auf einem Teller oder Brett mit Salaten der Saison.