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Welches Kind freut sich nicht, wenn Großvater Geschichten erzählt.
Geschichten zum Träumen und die des großen Abenteuers an dessen Ende ein glücklicher Verlauf steht.
So waren alle Geschichten und Gedichte die Großvater erzählte oder auf schrieb. Sie zeugten vom erlebten Alltag seinen Freuden
und Beklemmnissen, wobei er stets bemüht war, auch die unwegsamsten Ereignisse in einem hellen Licht erscheinen zu lassen.
Großvater hatte es in den Wirren des ersten Weltkrieges bis nach Wladiwostok verschlagen. Von dort gelang ihm die Flucht aus
der Kriegsgefangenschaft. Gemeinsam mit seinem Freund und Kameraden, Carlo Meyer einem Hochseilartisten, machte er sich mit
dem Beginn der Februar-Revolution 1917 in Russland auf den langen und ungewissen Heimweg. Dieser endete ausgehungert und mit
großen Überlebenswillen in den Geschehnissen der November-Revolution 1918 in der Heimat.
Diese knappe Antwort war für die Fragesteller, die über Großvaters langen Weg nach Hause etwas wissen wollten, in der Regel
unbefriedigend. Sie spürte, dass dies nicht einmal die Spitze des berühmten Eisberges war. Logischerweise wurde Großvater bedrängt,
mehr über diese Zeit zu erzählen. Schließlich und endlich betrug der Weg bis Wladiwostok ca. 8000 Kilometer!!
Das war der Zeitpunkt an dem Großvater mit den Worten, – naja, das war so – , dem Drängen augenscheinlich nachgab.
Unaufgefordert setzten sich einer nach dem anderen um Großvater herum an den Tisch. Vor allem seine Enkel hatte die Neugierde
gepackt. Sie wollten die Geschichte der Flucht aus Sibirien in allen Einzelheiten hören. Aber auch so mancher Erwachsener gesellte
sich leise und kaum bemerkt zu der Runde. Sie hatten diese Geschichten bereits mehrfach gehört. Doch Großvaters bildlichen
Darstellungen und seine mitreißenden Schilderungen auch einzelner Details ließen die Realität verschwimmen, so dass einmal
wieder auch die erwachsenen Hörer ihm auf diesem Weg kritiklos folgten.
Also ! So hob Großvater an. Krieg und Kriegsgefangenschaft ist eine schlimme Sache und ein jeder möchte, dass am nächsten
Morgen alles zu Ende ist und alle wieder in die Heimat dürfen. Aber so war es nicht. Für die Soldaten, die nicht bis auf einen
ungewissen Friedensvertrag warten wollten, um dann irgendwann nach Hause zu kommen, blieb nur der Gedanke an eine Flucht.
Viele hatten diese Gedanken und rannten los. Sie kamen meist nicht weit. Ein Großteil wurde nach kurzem wieder eingefangen und
die anderen verschwanden für immer in den Weiten Sibiriens. Es genügte also nicht ohne Vorbereitung dieses Wagnis einzugehen.
Eine Flucht musste trotz widrigster Umstände so gut wie möglich vorbereitet werden. Überlebens wichtig waren ein Minimum an
Nahrungsmitteln, eine Schneebrille, ein Paar Walenka und etwas zum Verteidigen, so Großvater. Am besten wäre für diesen Zweck
zwar ein Gewehr. Aber in der Not musste eine Lederpeitsche reichen. Die Walenka, so erklärte er weiter, waren Filzstiefel.
Aber es waren ganz besondere. Sie schützten auch bei tiefsten Temperaturen die Füße vor dem Erfrieren. Nur richtig gut laufen
konnte man damit nicht -nur so rutschen oder schlurfen-. Ich merke das gefällt euch, aber nichts da. Hier wird anständig gelaufen.
(Über die Tatsache,
dass Großvater in der Zwischenzeit die russische Sprache erlernt hatte, sprach er niemals.
Weshalb er dies beharrlich verschwieg, kann heute nur spekuliert werden.)
Als mein Freund und ich nun meinten dass unsere Ausrüstung das absolut Nötigste umfasste, warteten wir auf eine günstige
Gelegenheit. Diese bot sich als eine Lieferung Lebensmittel im Lager eintraf. Ein Großteil der Ware war Wodka.
Es dauerte auch nicht lange und die Wachmannschaft war betrunken. Das war die Gelegenheit die Unternehmung zu starten.
Es war eine Winternacht als wir uns entschlossen, den langen Heimweg in Angriff zu nehmen. Die Nacht war kalt so etwa
-40 °C bis -45°C. Beide hatten wir unsere Walenka angezogen und die Schneebrille aufgesetzt, denn selbst das Mondlicht
blendete uns auf den weiten Schneeflächen. Wir liefen größtenteils in der Nacht, damit unsere Verfolger, die uns wieder ins
Lager zurückbringen wollten, es so schwer wie irgend möglich hatten, uns zu entdecken. Regelmäßig verwischten wir unsere Spuren
und legten falsche Fährten. Auf diese Weise hatten wir uns bereits mehr als 50 Werst (1 Werst = 1066,78 m)
vom Lager entfernt, als wir eines Nachts einen Schatten bemerkten. Wölfe war der erste Gedanke.
Wir stellten uns Beide Rücken an Rücken. Jeder nahm seine Peitsche fest in die Hand, um den erwarteten Angriff abzuwehren.
Als dieses Tier näher kam, bemerkten wir, dass dieser Wolf ein Hund war. Uns fiel ein Stein vom Herzen! Als wir uns umsahen
bemerkten wir, dass wir uns in der unmittelbaren Nähe eines Dorfes befanden. Vorsichtig klärten wir die Lage.
Am Dorfrand lebte eine Babuschka allein in einer eingefallenen Kate. Dort wagten wir es, um Einlass zu bitten.
Wir wurden freundlich aufgenommen. Als die alte Frau merkte, wer ihr dort gegenüber saß, stand sie auf und holte etwas zu essen.
Hirsebrei, ein Stück Brot sowie ein Gläschen Wodka sto Gramm. Ihr müsst wissen, dass in Russland der Wodka aus 100g-Gläser
getrunken wird, so ergänzte Großvater. Das Mütterchen klagte ihr Leid. Ihr einzig gebliebener Enkel sei in deutscher
Kriegsgefangenschaft und ob wir nicht zufällig ihren Wolodia begegnet seien. Wir versuchten die Babuschka zu beruhigen und
versprachen Obacht zu geben, und bei einer Begegnung zu berichten.
Tags darauf machten sich Carlo und ich ans Werk, um den alten Mütterchen auf unsere Weise Dank zu sagen. Wir dichten Dach und
Wände mit Werg und Lehm so gut es ging. Die Kate hatte über die Jahre doch arg gelitten und der Winter war noch nicht zu Ende.
Als wir eine Pause machen wollten, bemerkten wir das die Babuschka verschwunden war, deshalb blieb uns nichts weiter übrig als
weiter zu arbeiten. Nach geraumer Zeit sahen wir die Babuschka aus dem Dorf kommen. Sie winkte uns zu und berichtete von unserem
Glück. Ein Bauer aus dem Dorf, so die Alte, müsse Kisten in die Stadt bringen und er würde die Deutschen mitnehmen.
Wir beendeten die Arbeiten, bedankten und verabschiedeten uns von der Babuschka.
Sie war ganz gerührt und drückte uns noch ein wenig Wegzehrung in die Hand.
Kurze Zeit später erreichten wir den besagten Bauernhof.
Wir wurden bereits erwartet. Eine Troika stand abfahrbereit vor dem Haus.
Eine Troika, so Großvater, war Pferdefuhrwerk, dem drei Pferde vorgespannt waren.
Im Winter ersetze ein Schlitten den Wagen. Die Tiere liefen nebeneinander und die Anspannung war eine, die in Deutschland
unbekannt war. Die Führung dieses Schlittens erforderten deshalb auch besondere Kenntnis und Geschick.
Der Bauer setzte sich auf den Bock und forderte uns auf, auf der Ladefläche Platz zu nehmen.
Auf dieser lagen aber drei großen Kisten deren Kanten über den Schlitten hinausragten.
Als der Bauer unsere fragende Gesichter bemerkte, sagte er, dass die Kisten leer seien und wir uns dort hinein setzen könnten.
Die erste Kiste war auch die größte und bot für uns Beiden Platz. Den Deckel ließen wir offen. Die Aussicht war trotzdem null,
aber wir saßen schauer und hatten frische Luft.
So ging die Fahrt einige Stunden vor sich hin. Nun war die nächste Stadt nicht mehr weit. Es wurde auch Zeit, denn die Sonne
war fast hinter dem Horizont verschwunden. Plötzlich wurden die Pferde unruhig.
Kurz darauf vernahm ich ein Geheul. Damit war das Verhalten der Tiere klar. - Wölfe!!- Die Pferde zogen an.
Der Schlitten wurde immer schneller und der Bauer hatte alle Mühe das Gefährt in der Spur zu halten.
In einer scharfen Kurve war es dann doch geschehen. Die Kisten, die nicht weiter gesichert waren, fielen von Schlitten.
Das Gespann war nicht mehr zu halten und verschwand am Horizont.
Zu allem Überfluss war der Deckel der Kiste zugeschlagen und ließ sich von innen nicht öffnen.
Ein großes Astloch gestattete eine geringe Aussicht. Außerdem war in der Zwischenzeit die Nacht herein gebrochen und die Wolken
ließen nur ab und zu etwas Mondlicht die schneebedeckten Flächen erhellen, so dass nur einige Umrisse zu erkennen waren.
Kurz darauf bemerkten wir beide, dass diese sich nun bewegten und Trittgeräusche zu hören waren. Nun stand fest,
die Wölfe hatten uns gefunden. Sie rannten um die Kiste herum und versuchten nach Art der Wölfe an uns heranzukommen,
denn auch diese Tiere mussten fressen, um zu leben.
Es gelang aber nicht. Die Kiste war stabil! Die Wölfe aber gaben nicht auf.
Das Leittier versuchte sich als Angler und steckte seinen Schwanz durch das Astloch in die Kiste.
Geistesgegenwärtig ergriff ich den Schwanz des Wolfs und hielt ihn fest.
Der Wolf seinerseits erschrak und wollte so schnell wie möglich wieder frei kommen. Er rannte los und rannte und rannte und
immer noch hatte er die Kiste am Schwanz. Für Carlo und mich war es eine Schlittenfahrt durch die Nacht.
Wie lange diese Fahrt nun schon andauerte konnte keiner von uns Beiden sagen. Selbst wie oft wir beim Schwanzfesthalten gewechselt
hatten, kann ich nicht mehr nachvollziehen.
Es war auf alle Fälle eine sehr sehr lange Zeit vergangen, als wir irgendwann etwas anders hörten, als nur das was der Wolf
und die Kiste von sich gaben.
Es klang irgendwie nach Zivilisation. Als wir beide noch so nachdachten, was dies wohl für Geräusche seien,
hörten wir ein Quietschen und einen dumpfen Knall. Jetzt hörten wir auch Stimmen. Diese wurden immer lauter.
Im selben Augenblick machte sich jemand an der Kiste zu schaffen. Die Kiste ging auf und die Sonne schien.
Wir wurden von Menschen umringt. Wir standen immer noch in der Kiste, dicht daneben stand eine Straßenbahn.
Sie hatte den Wolf überfahren. Als wir beide aus der Kiste kletterten und uns umsahen, stellten wir fest,
dass wir uns mitten in Moskau befanden.
Na ja und von Moskau nach Hause war es nun nicht mehr so weit. Für die letzten 2000 km nutzten wir alles Mögliche vom
Ochsengespann bis zur Kutsche. Einen Teil des Weges sind wir auch gelaufen. Aber für die größte Wegstrecke waren Güterzüge
für uns sehr von Nutzen „schwarz„ natürlich, denn Geld hatten wir keines.
Und so fand meine Flucht nach eineinhalb Jahren ihr glückliches Ende.