V
E
R
Z
E
I
C
H
N
I
S

E

I

N

Der Kornkäfer

Kurt Engmann       Frose,     Januar 2001

Wilhelm und Wilhelm saßen Anfang der 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts auf dem Scheunenboden von Wilhelm dem älteren seinem Bauernhofe.
Dieser diente der Lagerung von Getreide und Stroh.
Beide betrachteten mit Interesse das Treiben der Kornkäfer.
Sie verband der gleiche Vorname sowie das Interesse für die Natur.
Ihr Altersunterschied hingegen betrug mehr als 50 Jahre.
Der Alte war noch der Bauer dieses Gehöfts, saß aber bereits auf dem „Altenteil“.
Er kümmerte sich um alles, was so täglich anfiel.
Damit war sozusagen der gute Geist des Hauses. Wilhelm junior war der Sohn des Nachbarn.
Ihn, den alle nur Willy nannten, war sich nicht bewusst, dass in seiner Taufurkunde, gemäß dem Traditionverständnis seines Vaters, der Name Wilhelm eingetragen war.
Er war ein sehr lebhafter Junge, und hatte es faustdick hinter den Ohren. Wilhelm der ältere versank beim Betrachten der Krabbeltiere, von denen er drei bis vier mittels Strohhalm in Bewegung hielt, tief in Gedanken.
Er wusste auf Grund seiner Belesenheit:
Der Kornkäfer ist ein Rüsselkäfer. Er gehört zur Familie Curculionidae.
Dieser hier vor dem Strohhalm zur Unterfamilie Ceutorhynchinae oder mit alten Bezeichnung Calandra.
Die alte Bezeichnung war ihm für den Sitophilus granarius also dem Kornkäfer sowieso lieber, weil einfacher auszusprechen als Ceutorhynchinae.
Sein Wortschatz kam ihm jetzt aber gerade recht. Gestattete dieser ihm doch, vor Willy so schön zu glänzen.
An den kleinen Wilhelm gerichtet fuhr er fort: „Sieh her! Die Käfer sind 2,7mm bis 3,7mm groß. Der Körper bildet die Hälfte der Länge, der Kopf 2/6 und der Rüssel 1/6. In ihrer Art mit den geriffelten Flügeldeckeln und ihrer grau-schwarzen Farbe sehen sie richtig schön aus.“
Danach fuhr er mit der Bemerkung fort, dass diese Tiere mit hoher Wahrscheinlichkeit aus dem Orient stammten und sich von dort über gesamte gemäßigte Zone der Erde verbreiteten.
Hier in Deutschland seien zwei Arten heimisch geworden. Die Käfer und ebenso die Larven ernähren sich von Getreide jeder Art. Sie bevorzugen aber Weizen und Roggen. Sie waren und sind die gefürchteten Speicherschädlinge, die ein Bauer kannte und kennt.
Mit diesen Worten war die Träumerei beendet und der Boden der Tatsachen wieder erreicht.
Nun sollte es den flinken Käfern an den Kragen gehen.
Dies war leichter gesagt als getan!
Im ersten Angriff konnten die Beiden ein paar einzelne Tiere erwischen. Das war aber kam der Mühe und der Rede wert.
Flink verschwanden die Tierchen in allen Ritzen und Ecken. In den Trockenrissen der Dachbalken waren sie sicher. Dabei kam der Verdacht hoch, dass die Käfer dies wissen. Diesem Vorteil wollte Willy nun ein Ende setzen.
Er meinte deshalb zu Wilhelm: „Onkl, sei hem doch ne Lötlampe.“
„Willy, wat wisst'n damit“, fragte Wilhelm nach, nannte aber auch gleich deren Platz.
Drei Minuten später stand Willy mit der Lampe in der Hand wieder auf dem Boden. Stolz verkündete er:
„Jetzt maken wei de Käfer gluhe Beene.&blquo;
Wilhelm wollte an dieses Thema nicht so recht heran. Es war ihm im wahrsten Sinne des Wortes doch etwas heiß.
Aber wie sie bisher die Käferjagd veranstalteten, stand es immer 20:1 für die Käfer. Also nahm Wilhelm zwei Getreidesäcke, die er zu Feuerklatschen umfunktionierte. Damit meinte er, sei alles notwendige für die Sicherheit getan. Und schon wurde die Lötlampe angeworfen.
Kurze Zeit später begann die heiße Käferjagd. Der Erfolg machte Mut.
Wie bekannt folgt auf Mut – Übermut – . Als die erste Flamme das Stroh erfasste, war die Löschaktion noch erfolgreich.
Aber die Fünfte schlug fehl. Für Wilhelm und Willy wurde es eng.
Sie mussten jetzt an ihre eigene Sicherheit denken.
Die gesamte Scheune brannte bis auf die Grundmauer nieder.
Die herbeigeeilte Feuerwehr konnte nur noch dafür sorgen, dass das Feuer nicht noch auf benachbarte Gebäude übergriff.
Die Feuerwehr und die Versicherung hatten für diesen Brand nur eine einzige logische Erklärung
-Selbstentzündung des Getreides-.
Mit dieser Feststellung war die Versicherung in der Pflicht.
Ein Jahr später hatte Wilhelm eine neue Scheune und die Kornkäfer war er auch erst einmal los.
Die Bekämpfung der Kornkäfer mittels Lötlampe hat er aber bis an sein seliges Ende nie mehr wiederholt.