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Die Kampfgruppen der Arbeiterklasse

Kurt Engmann       Frose,     Januar 2001

Es war einmal......
Die Kampfgruppen der Arbeiterklasse und das was auch von ihnen übrig blieb.
Mit dem Scheitern der Ereignisse im Juni des Jahres 1953 in der DDR waren eine Reihe von Kämpfern für die Freiheit nach westlichen Vorbild in akuter Erklärungsnot.
Sie waren durch die AntiFa-Schule (Schule des antifaschistischen Widerstandes) gegangen, hatten Hitler abgeschworen und waren nun von der Sache des Sozialismus zu tiefst überzeugt.
Doch zum Zeitpunkt des Aufbegehrens waren sie irre geleitete Schafe, die den „rechten“ Weg zum Sozialismus verlassen hatten.
Sie waren nicht nur einfach mit gelaufen. Sie waren auf einmal Wortführer westlicher Ideen und wussten nicht einmal mehr wie sich Stalin oder Sozialismus schrieb.
Jetzt war alles zu Ende und guter Rat teuer. Am besten erst einmal abtauchen!
Ich verstecke mich vorerst in der Kirche, dachte sich Joachim.
Bis zu diesem Zeitpunkt „wusste“ er nichts von der Anwesenheit eines Pastors im Ort. Der evangelische Pfarrer erkannte die reale Gefahr und kam Joachims Wunsch nach.
Als der erste Sturm vorüber war, tauchte er wieder auf. Nun legte Joachim sein Meisterstück ab.
Er schaffte es, sein Handeln so darzustellen, dass er einen neuen Treueschwur ablegen durfte. Außerdem verpflichtete er sich, den unmittelbar nach dem 17. Juni 1953 gegründeten „Kampfgruppen der Arbeiterklasse“ beizutreten.
Künftig sollte er
-   mit Herz und Verstand sowie mit der Waffe in der Hand   -     Frieden und Sozialismus
verteidigen.
Weniger Glück hatte Erich.
Er war mit dem Ende des Krieges wegen einer Frau und gutem Essen (was damals darunter verstanden wurde) in einem Harzdorf „hängen geblieben“ und arbeitete als Meister in einem Großbetrieb des Kreises.
Nach dem 17. Juni wurde seine Mitgliedschaft in der SED abrupt beendet. Damit bestand die Gefahr, dass er wohl nicht mehr lange Meister sein durfte.
Also Angriff ist die beste Verteidigung.
Erstens Besserung geloben und zweitens den Sozialismus mit der Waffe in der Hand verteidigen. Schließlich konnte er sich doch noch an den Umgang mit dem Karabiner "98" (1898) der Wehrmacht „ganz schwach“ erinnern.
So oder ähnlich wurden die Kämpfer für das motorisierte Bataillon überzeugt und gewonnen.
Es gab auch eine Reihe von Personen, die ehrlichen Herzens diesen Weg gingen. Sie waren aber eine kleine Minderheit.
Nun galt es, die Kommandostellen zu besetzen.
Das kann ja wohl bei der großen Anzahl der Beschäftigten in einem Großbetrieb nicht so schwierig sein.
Schließlich war ein Gefreiter auch einmal "Führer"!
Was der fertig gebracht hat, schaffen überzeugte Kämpfer allemal.
Zum engeren Kreis der Kommandeursanwerter gehörte Horst.
Er hatte strategisches Verständnis. Schließlich hatte er noch ein Jahr zuvor in der Kneipe erklärt, was Hitler und seine Generäle alles falsch gemacht hätten und wie er die Sache angegangen wäre.
Er hätte  

  1. den Blitzkrieg gegen Russland (gemeint war die Sowjetunion) besser vorbereitet,
  2. den ersten Stoß direkt bis Wladiwostok geführt,
  3. gemeinsam mit den Japaners die USA in einen Zweifrontenkrieg verwickelt und das Kriegsende als Sieger erlebt.

Nur einen Schönheitsfehler hatte Horst.
Sein Bruder war mit seiner Familie in den Westen gegangen. Also Verwandtschaft ersten Grades im Reich der „Bonner Ultras“ dem „bitterbösen Klassenfeind“.
Kommandeur sein ist nun einmal verlockend und steigert im hohen Maße das ICH-Gefühl.
Also stellte er eines Morgens am Kaffeetisch fest, dass er keinen Bruder hat und niemals eine hatte. Zumindest so weit er sich erinnern konnte.
Damit war der Weg frei und es begann eine schöne Zeit mit Übungen, Paraden und Orden.

Soweit die Überlieferung!
Den Lesern dieser Schnurre, die diese Zeit nur aus der Geschichte kennen, mögen bedenken, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse in diesen Wochen und Monaten anderen Regeln folgte. In der Zwischenzeit ist ein halbes Jahrhundert vergangen und ein Jeder hat ein eigenes Bild von den geschehenen Ereignissen.
Aber es ist schon ein epochaler Unterschied ob eine Bewerbung für einen Arbeitsplatz abschlägig oder gar nicht beantwortet wird oder diese Frage durch eine auf dem Tisch liegende Pistole sich selbst beantwortet.