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Étalon

Kurt Engmann       Frose,     August 2004

Es gibt Überlieferungen, die nach geraumer Zeit einmal wieder vorgetragen, für den Einen oder Anderen zumindest als stark übertrieben angesehen werden. Schnell wird der Verdacht geäußert, doch bei „Münchhausen“ eine Anleihe genommen zu haben. An dieser Stelle soll nur zu Bedenken gegeben werden, dass häufig die Wahrheit die kühnsten Fantasien in den Schatten stellt.
So gesehen sind die Geschichten, die sich mit dem Spitznamen Étalon verbinden, dafür ein beredtes Beispiel.
Seine Jugend war geprägt durch das Dritte Reich. Da war zuerst die Hitlerjugend und mit dem Antritt zum Arbeitsdienst begann der 2. Weltkrieg. Also vertauschte er zwangsweise sehr bald den Spaten mit dem Gewehr und ehe er sich versah, stand er als Besatzer in Paris.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er keinerlei Beziehungen zu den Damen dieser Welt.
Das sollte sich nun ändern. Seinen Kameraden, denen diese Tatsache nicht entgangen war, übernahmen die Aufklärung. Sie schleppten ihn in das nächste von der Wehrmacht kontrollierte Etablissement.
Diese hatten nach kurzer Zeit ihre überschüssigen Kräfte bereits abgegeben und vertrieben sich die verbleibenden Stunden des Ausgangs bei einem (oder auch zwei) Glas Wein.
Nach geraume Zeit tauchte unser Freund bei seinen Kameraden auf und erklärte zu deren Erstaunen, dass er gleich noch zu einer anderen Dame muss. Er müsse schließlich wissen, ob alle Damen so sind.
Und weg war er.
Von diesem Zeitpunkt an nutzte er jede erdenkliche Gelegenheit, um die Damenwelt zu beglücken. Immer getrieben von der Tatsache, das Krieg war und ein jeder Tag der letzte sein konnte.
Einmal, so wurde berichtet, nahm er dafür sogar einen Kredit in Anspruch. Nach kurzer Zeit nannten die Damen ihn nur noch Étalon. Dieser Name war schwer erarbeitet und dokumentierte seine Standhaftigkeit und Ausdauer. Von nun an war sein richtiger Name nur in seiner Geburtsurkunde sowie im Soldbuch nachzulesen.
1944 kehrten mit der Invasion der Alliierten die schweren Kampfhandlungen auch nach Frankreich zurück. Bei einem Angriff dieser Verbände wurde er durch Granatsplitter schwer verletzt. Als er wieder zu sich kam, war sein erster Gedanke, ob wohl sein bestes Stück unbeschädigt geblieben wäre. Erst danach realisierte er, dass er sich in einem Lazarett der Alliierten befand. Zwei Jahre arbeitete er auf einem französischen Bauernhof als Kriegsgefangener. Auch hier machte er seinem Spitznamen alle Ehre. Fast wäre er dort geblieben, aber eines Tages tauchte der Bauer wieder auf. Unter diesen Umständen hielt er es für ratsam, die Gunst der Stunde zu nutzten und sich Richtung Heimat abzusetzen.
Die Flucht war schwierig. Er hatte kein Geld, kaum etwas zu essen und stets die Gefahr aufgegriffen und von neuem interniert zu werden.
Aber trotz aller Widrigkeit schaffte er den Weg nach Hause.
Nur sein Spitzname war vor ihm in seinem Dorf angekommen. Nachdem die anstrengende Flucht nun hinter ihm lag und er wieder zu Kräften gekommen war, machte er seinem Namen erneut alle Ehre. Schließlich und endlich waren zu dieser Zeit Männer, wie so viele andere Dinge, Mangelware.
So wunderte es niemanden, dass die junge Frau, die seit ihrer Flucht aus Ostpreußen hier auf dem Hof seiner Eltern über dem Stall in einer Kammer lebte, kurze Zeit später schwanger war.
Unmittelbar nach dem Bekanntwerden dieser Tatsache läuteten die Hochzeitsglocken. Eine Reihe von Müttern hofften, dass nun wieder etwas Ruhe im Dorf einziehen würde. Dies erwies sich aber als großer Irrtum.
Étalon fand Arbeit als Kraftfahrer. Mit seinem EMW, einem PKW der Eisenacher Motorenwerke, war er stets in einem weiten Umfeld unterwegs.
Eines Tages hatte er eine Anhalterin mitgenommen. Und wie sollte es anders sein. Sie kamen sich näher. Wie nahe, das kam einige Wochen später heraus, als Étalon's Chef Post bekam. Das Näherkommen hatte Folgen. Die junge Frau meldete ihre werdende Mutterschaft an. Und etwas abzustreiten gab es auch nicht, denn sie hatte sich das Kennzeichen des stahlblauen EMW gemerkt und den Halter polizeilich ermitteln lassen. Der Name des Fahrers war eindeutig im Einsatzplan sowie im Fahrtenbuch ersichtlich.
Wie sollte er dies seiner Frau nur beibringen. Er musste doch in Zukunft Alimente zahlen und diese waren so hoch, dass er dies nicht verschweigen konnte.
Also nahm er einen Strick und ging gesenkten Hauptes in die Scheune. Seine Frau bemerkte diese ungewöhnliche Haltung, die sie beunruhigte. Sie ging hinterher und sah wie Étalon den Strick über einen Balken warf. Offensichtlich wollte er seinem Leben ein Ende setzen. Sie stürzte auf ihn zu und riss den Strick vom Balken. Damit war der Boden für die Beichte bereitet. Und wie sollte es anders sein; ihm wurde verziehen. Was seine Frau nicht wusste, war die Tatsache, dass er bereits zweimal mit gesenktem Haupt über den Hof gelaufen war, bevor sie auf dieses auffällige Verhalten aufmerksam wurde.
Übrigens - dieser Trick gelang insgesamt vier mal. Und nach jeder Beichte war sie selbst wieder schwanger.
Über die Jahre schuf sich Étalon eine etwas bequemere Lösung, um seine Bedürfnisse zu befriedigen. Er legte sich eine liebe Freundin zu, ohne weitere, sich ergebende Gelegenheiten ungenutzt verstreichen zu lassen. Dies war er seinem Image schuldig.
Die Zeit verging und die inoffizielle Silberhochzeit mit seiner Freundin lag auch schon einige Zeit zurück, als er einmal wieder mit seinem alten Kumpel Gotthilf ein Bier hinunter spülte.
Beide befanden sich in einer ähnlichen Situation. Étalon hatte einen Ruf zu verteidigen.
Gotthilf hingegen, den ein Jeder nur unter dem Namen „der Meister“ kannte, hatte kurz zuvor ein zweites Mal geheiratet.

Die Geschichte ist schnell erzählt.
Gotthilf hatte Silberhochzeit und die Gäste saßen zahlreich in großer Runde, als seine Tochter mit ihrer Freundin Susanne verspätet zu diesem Fest erschienen. Beide Gotthilf und Susanne verliebten sich stehenden Fußes. Noch am gleichen Abend verließ Gotthilf Haus und Hof, ließ sich scheiden und heiratete kurze Zeit später die Freundin der Tochter. Zwischen Beiden bestand ein Altersunterschied von 25 Jahren. Und genau diese Differenz des Alters machte ihm jetzt schwer zu schaffen. Von seinen weit über zwei Zentner Körpergewicht waren keine achtzig Kilogramm mehr übrig geblieben, und seine Arbeitskollegen machen sich bereits „Sorgen“ bezüglich dieser Entwicklung. Die zunehmenden Sticheleien Einzelner versuchte er zu überhören und er sagte sich immer wieder - alles nur Neid.
Trotzdem ging es ihm unter die Haut.
Deshalb wuchs in ihm das Bedürfnis, seine Manneskraft aller Welt zu beweisen.
Er war der Ansicht, dass er dies mit einer Vaterschaft am besten erreichen könne. Also wollte er die Stimmung für dieses Unternehmen ausloten. Zu diesem Zweck machte er sich auf den Weg in einen Anlagenkomplex, der von einer langjährigen Weggefährtin betreut wurde. Diese hatte bereits ihr Rentenalter erreicht und herrschte als guter Geist. Sie wurde deshalb von den Jüngeren liebevoll Tante Mariechen genannt.
Als Mariechen den Meister bereits vom Weiten herankommen sah, dachte sie bei sich, 'was ist denn mit dem, der hat doch irgend etwas' und fegte den letzten Schmutz einer gerade beendeten Reparatur zusammen.
Im selben Augenblick stand er auch schon neben ihr und platzte heraus:
„Mariechen – ob ich noch einmal Vater werde?“
Einiges hatte Mariechen bei diesem Auftritt ja erwartet, aber das war einfach zu starker „Toback“.
Ihr fiel der Besen aus der Hand und sie sprach mit stockender Stimme:
„Gott - - - hilf !! Das ist ja Mumienschändung!“
Der erste Versuch war also fürchterlich in die Hose gegangen. Nun starrte er sein Bier an und das Bier starrte zurück.


Bei mir ist auch nichts mehr wie früher, meinte mitleidig Étalon. Mit den beiden Frauen läuft ja noch alles rund, aber viel mehr ist kaum noch drin. Ich habe schon eine Menge an Pillen und Säfte ausprobiert. Selbst der wohl gepriesene Sellerie in verschiedenen Varianten angerichtet, erbrachte nur Fehlschläge.
Ein guter Bekannter von mir arbeitet im Schlachthof. Von ihm bekomme ich seit ein paar Wochen die besten Stücke der Bullen. Du verstehst, was ich meine?!
Anfangs habe ich diese Teile gebraten. - - - - - - - - - - - - - - - - keine Wirkung!!
Danach habe ich sie gedünstet. - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - keine Wirkung!!
Meinen letzten Versuch starte ich noch diese Woche. - - - - - - roh!!
Wenn dies nicht hilft, weiß ich auch nicht mehr weiter.
Wie zu erwarten, auch diese Bemühungen blieben ohne den ersehnten Erfolg.
Mit vierundsechzig Jahren kurz vor seinem Eintritt in den wohlverdienten Ruhestand erwachte in ihm der „dritte Frühling“, auch als „Johannistrieb“ bekannt. Seine Frau war diesem Leistungsvermögen nicht gewachsen. Kurz entschlossen sprang aus dem Bett in seine Sachen und auf das Fahrrad. Wohin? Zur Freundin! Die angefangene Arbeit musste schließlich und endlich ordentlich beendet werden. Als er bei ihr in der Tür stand, sah sie bereits, was los war. Sie ließ sich nicht lange bitten. Dies wäre sowieso sinnlos gewesen. In dem Augenblick, als er sich über sie beugte, sah sie seine dunkelbraunen treuherzigen Augen und erwartete das Übliche. Aber was war das. Seine Augen waren nur noch weiß und er so furchtbar schwer.
Die Diagnose des herbeigerufenen Arztes – Herzversagen -.
An der Spitze des Trauerzuges geleiteten drei Tage später die beiden Witwen Étalon zur letzten Ruhe. Dahinter die Genossen der Kampfgruppe mit Ordenskissen und Fahne. Drei Wochen später beendete die „nicht vorhandene“ Westverwandtschaft das Geleit.
Wie bemerkte dazu ein alter Bauer: „Lustig gelebt und selig gestorben heißt; dem Teufel die Rechnung verdorben.“